Meine kleine Nähmaschinen-Oma-Geschichte

Eine kleine Geschichte, die das Leben schrieb …

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Handarbeiten (sprich stricken, nähen und häkeln) waren für mich als Kind ein Graus!

Erschwerend kam nun leider hinzu, dass ich meine gymnasiale Schulzeit an einem katholischen Mädchengymnasium (in Stuttgart) verbringen durfte.

Mädchengymnasium, katholisch … klar … Handarbeit (Technisches Werken) von großer Wichtigkeit!

Viele Tränen vergoss ich zwischen meinem 11. und 13. Lebensjahr. Die Schürze wollte genäht, die Socken gestrickt und die Tasche gehäkelt sein!

Doch ich wollte nicht!

Liebe Menschen umgaben mich in meiner Familie in diesen Jahren. Allen voran meine handarbeitlich sehr begabte Oma.

Sie hatte Mitleid mit mir, tröstete mich und übernahm so manche Fehlerkorrektur (wovon meine Handarbeitslehrerin, Schwester Egidia, natürlich nie erfuhr! Also … psssst!!!)

Oma sah immer ein großes Talent in mir schlummern. Irgendwo ganz tief im Innern. Etwas versteckt. Aber es war da. Sie wusste es!

Selbst übte sie als junge Frau den Beruf der Handarbeiterin aus. Sie nähte und strickte anfangs für Geld, später in der Rente für ihre Enkel, Urenkel und für bedürftige Menschen. Ich bewundere sie dafür.

Meine Oma war es, die mir so ab meinem 10. Lebensjahr ihre Nähmaschine versprach, wenn sie denn mal sterben würde.

Die Nähmaschine! Mühsam hatte sie dafür gespart. Sie hatte sie immer gepflegt. Das war eine Ehre!

Und so begleitete mich dieses Versprechen viele Jahre. Wenn Oma mal starb, sollte ich ihre Nähmaschine bekommen.

In der Zeit, als ich dann selbst kleine Kinder hatte, hätte ich öfter mal eine Nähmaschine brauchen können. Um irgendwas zu kürzen, was anzunähen oder auszubessern.

Der Gedanke mir eine Maschine zu kaufen, war fern. Ich hatte nie daran gedacht. Denn eines stand ja fest:

Ich werde die Maschine von Oma bekommen.

Meine Oma kam mit 98 Jahren ins Pflegeheim. Bis dahin versorgte sie sich tapfer selbst. Sie war stets gesund und tatkräftig und es bestand kein Grund, sie früher aus ihrem Umfeld rauszuholen.

Doch dann vergaß sie immer öfter, den Herd auszuschalten, brauchte mehr Hilfe im täglichen Leben und so war klar, sie brauchte Betreuung. Es ging einfach nicht mehr alleine.

Die Wohnung wurde aufgelöst, Oma zog ins Seniorenheim und ich bekam mit 38 Jahren ihre Nähmaschine.

Die Enttäuschung war groß, als wir beim Testen feststellen mussten, dass die Maschine die letzten Jahre, in denen sie nicht mehr genutzt wurde, nicht ohne Schaden überstanden hatte. Sie lief nicht mehr und Ersatzteile waren für das alte Gerät nicht mehr zu bekommen! Bye bye, Nähmaschine!

Oma verstarb am 11. Juli 2011 mit 101 Jahren.

Ihr Tod war eine Erlösung, denn zuletzt konnte sie weder essen, noch trinken, noch sprechen. Eines aber konnte sie bis zum Schluss: sie erkannte mich. Und darauf bin ich stolz. Nein, es macht mich glücklich.

meine Oma und ich

Meine Oma wird immer ein großes Vorbild für mich sein. Sie war ein sehr zufriedener Mensch. „Man muss es nehmen, wie es kommt!“, sagte sie ganz oft. Jammern habe ich sie nie gehört. Unzufrieden war sie allerhöchstens, wenn ihr Tatendrang durch eine Verletzung an Hand oder Bein eingeschränkt war. Doch das waren Momente, wo sie begann zu kämpfen. Sie gab nicht auf, bis sie wieder fit war.

Diese Einstellung war ihr Lebenselixier.

Oma schenkte mir aus ihrem Nachlass das Geld für eine neue Nähmaschine. Diese habe ich mir nun ausgesucht. „Kauf dir eine gute“, sagte mir meine Mutter, „Deine Oma hätte es so gewollt.“

Mit dieser Nähmaschine lebt die Erinnerung weiter. Ich werde sie hegen und pflegen.

Kleider oder Schürzen werde ich wohl nie nähen, dazu bin ich einfach zu unbegabt.

Aber ich kann sie gut für’s Scrapooking und zum Karten gestalten brauchen und vielleicht traue ich mich irgendwann mal, meine zu lange Jeans zu kürzen … oder ich frage einfach meine Mutter 😀

Danke Oma. Ich hab dich lieb.

(Und meine andere Oma natürlich auch … und die Opas … und meinen Vetter Oliver, der viel zu früh starb)

Deine Yvonne

8 Kommentare zu “Meine kleine Nähmaschinen-Oma-Geschichte

  1. Sehr, sehr schön und sehr persönlich. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie viel wir eigentlich von den Generationen vor uns lernen können – vor allem von der ‚aussterbenden‘ Kriegsgeneration. In jungen Jahren lehnt man Vorbilder und Ratgeber doch eher ab.
    Übrigens, als kampferprobter Hausmann glaube ich eine schicke Husquarna zu erkennen!? 🙂
    Liebe Grüße
    Werner

  2. Ach Yvonne, das ist eine bezaubernde Geschichte Deines Lebens. Vielen Dank, dass Du sie mit uns teilst! Ich bin gerührt und habe gerade Tränen in den Augen. Deine Oma war wohl ´ne tolle Frau und hat ein stolzes Alter erreicht, Hut ab!

    LG,

    Tanja

  3. Wonne, diese Zeilen hätten Deiner Oma auch gefallen. Auch ich bin stolz auf meine Mutter und ich denke jeden Tag an sie.

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